Hannes Trettin über Gründung, Innovation und Zukunft in MV

Rügen gilt als Sehnsuchtsort. Für Hannes Trettin, Jahrgang 1990, ist die Insel vor allem Heimat. Eine Heimat, die er nach dem Abitur verlässt, um zu studieren, internationale Erfahrungen zu sammeln und die Welt kennenzulernen. Während seiner Zeit in China, den USA und der deutschen Konzernwelt erlebt er, wie Ideen zu Unternehmen werden und ganze Regionen verändern können.

Doch je mehr er sieht, desto stärker beschäftigt ihn eine andere Frage: Warum entstehen solche Entwicklungen so selten dort, wo er aufgewachsen ist?
Aus dieser Beobachtung wird eine Mission, die ihn bis heute antreibt. Mit Project Bay, Founders Bay und weiteren Initiativen setzt sich Hannes Trettin dafür ein, Innovation, Unternehmertum und neue Perspektiven in den ländlichen Raum zu bringen.

Im Gespräch mit GründerMV erzählt er von seinem Weg von Rügen in die Welt und zurück, über Verantwortung, Unternehmertum und die Überzeugung, dass Zukunft überall entstehen kann.

„Wer hier geboren ist, kennt das Gefühl, dass die eigene Region vor allem als Kulisse für andere funktioniert.“

Hannes, was hat deinen Weg geprägt?

Ich bin auf Rügen aufgewachsen und habe Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Management und Produktion in Berlin, Nürnberg/Erlangen und Beijing studiert. Nach meinem Studium war ich international als Projektmanager tätig und arbeitete unter anderem für Bosch, Audi, Continental und Deloitte.

Geprägt hat mich vor allem der Kontrast.

„Ich habe gesehen, wie anderswo Dinge entstehen – und bin dann nach Hause gekommen und habe gesehen, wie hier Dinge verschwinden. Läden, Schulen, junge Leute. Irgendwann konnte ich das nicht mehr trennen.“

Heute baue ich mit Project Bay, Founders Bay und weiteren Projekten Infrastruktur für Innovation, Unternehmertum und neue Arbeit im ländlichen Raum auf.

Welche Erfahrungen haben dich besonders beeinflusst?

Drei Dinge.

„Erstens die Zeit in China. Dort habe ich erlebt, in welcher Geschwindigkeit Regionen sich verändern können, wenn Menschen die Chance zum sozialen Aufstieg erhalten und Kapital in großen Mengen vorhanden ist.“

Die zweite prägende Erfahrung war die Konzernwelt. Dort habe ich gelernt, wie große Projekte funktionieren, aber auch, wie viel Energie manchmal in Abstimmung verloren geht.

Und schließlich jedes Mal das Nachhausekommen.

„Rügen ist ein Ort, an dem im Sommer alles voll ist und im Winter kaum etwas passiert. Wer hier geboren ist, kennt das Gefühl, dass die eigene Region vor allem als Kulisse für andere funktioniert.“

Gerade dieser Gegensatz hat mich immer wieder beschäftigt und den Wunsch verstärkt, selbst etwas aufzubauen und die Entwicklung meiner Heimat aktiv mitzugestalten.

Arbeiten mit Blick aufs Wasser: Für Hannes Trettin sind Lebensqualität und Unternehmertum kein Widerspruch. Mit Project Bay will er zeigen, dass innovative Arbeitsorte auch abseits der Metropolen entstehen können. © Hannes Trettin

Von der Konzernwelt ins Unternehmertum

Wann kam erstmals der Wunsch auf, selbst zu gründen?

Der Gedanke war eigentlich schon früh da, ohne dass ich ihn damals so genannt hätte.

Ich komme aus einem Arbeiterhaushalt. Meine Eltern hatten viele der Möglichkeiten und Freiheiten nicht, die meine Generation hatte. Umso wichtiger war es ihnen, meinem Bruder und mir zu zeigen, welche Chancen wir heute haben und dass wir sie nutzen sollten.

„Mein Bruder Matthes hat auf sein Abitur verzichtet und ist seinem Traum gefolgt, Fotograf zu werden. Mit 21 war er selbstständig. Ich war damals 15 und durfte dabei sein, wie er sich etwas aufbaut. Das war mein Glück. In einer Region, in der alle darauf hinarbeiten, einen guten Job als Angestellte zu bekommen, habe ich sehr früh gesehen, dass Selbstständigkeit auch ein Weg ist.“

Später kam eine zweite Erkenntnis hinzu. Ich konnte schnell Karriere machen, bei Bosch zum Beispiel – aber ich habe nie richtig ins System gepasst, weil ich immer unternehmerisch gedacht habe. Irgendwann saßen mein Bruder Matthes, Toni Gurski und ich zusammen und beschlossen, etwas Eigenes aufzubauen.

Welche Werte treiben dich als Unternehmer an?

Der Kern ist eine Überzeugung:

„Innovation kann überall stattfinden. Es gibt keinen Grund, warum gute Ideen nur in Berlin, München oder Hamburg entstehen sollten – außer dass dort die Infrastruktur steht und bei uns nicht. Infrastruktur kann man bauen.“

Für mich gehören dabei drei Dinge zusammen: mit den Menschen vor Ort statt über ihre Köpfe hinweg zu arbeiten, Wirkung vor Wachstum zu stellen und verlässlich zu sein, um Voraussetzungen zu schaffen, damit andere ihre Ideen verwirklichen können.

Die Erkenntnis, die alles veränderte

Mit Snazz entstand deine erste Gründung. Welche Rolle spielte dieses Start-up für deinen weiteren Weg?

Eine sehr wichtige.

Gemeinsam mit meinem Bruder Matthes, Toni Gurski und weiteren Mitstreitern gründete ich Ende 2018 das nachhaltige Start-up Snazz. Ausgangspunkt war die Frage, wie sich Überproduktion in der Modebranche reduzieren lässt.

„Über die Lieferketten. Ich hatte in der Industrie viel mit Beschaffung zu tun und war nach einer Asienreise neugierig geworden, wie das in der Modebranche funktioniert. Was ich gefunden habe, hat mich fassungslos gemacht: Weltweit wird Kleidung im Wert von Milliarden Euro pro Jahr weggeworfen. Etwa ein Drittel von allem, was produziert wird.“

Die Gründung entstand nicht über Nacht.

Toni, mein Bruder Matthes und ich haben uns ein- bis zweimal die Woche zusammengesetzt und Ansätze durchgespielt, bis Snazz daraus wurde.

Unterstützt wurden wir dabei unter anderem vom MediaTech Hub in Potsdam und APX in Berlin.

Was hat dich motiviert, den Schritt in die Selbstständigkeit zu gehen?

Die Motivation war sehr persönlich.

„Ich hatte einen guten Job und wollte trotzdem etwas machen, bei dem am Ende mein Name dran steht – im Guten wie im Schlechten.“

Natürlich ging es uns darum, ein konkretes Problem zu lösen. Aber rückblickend war Snazz noch etwas anderes: unsere unternehmerische Lehrzeit.

Gab es einen Moment, in dem dir klar wurde, dass daraus mehr entstehen könnte?

Ja.

„Wir haben irgendwann gemerkt, dass das eigentliche Problem, das uns umtreibt, gar nicht Mode ist – sondern die Frage, warum bei uns zu Hause nichts entsteht.“

Diese Erkenntnis wurde zum Wendepunkt.

Plötzlich ging es nicht mehr nur um ein Start-up oder die Modebranche. Es ging um die Frage, warum Regionen wie Mecklenburg-Vorpommern so selten als Innovationsstandorte wahrgenommen werden und was nötig ist, damit dort mehr entstehen kann.

Aus der Frage, warum in ländlichen Regionen oft wichtige Strukturen fehlen, entstand die Idee, neue Orte für Austausch, Unternehmertum und Innovation zu schaffen. © Hannes Trettin

„Wir wollten Menschen in die Region holen, die hier arbeiten statt nur Urlaub machen.“

Wie wurde aus dieser Erkenntnis schließlich die Idee für Project Bay?

Aus einem sehr konkreten eigenen Bedarf.

Wir waren mit Snazz eine kleine Softwarefirma und konnten bei den Gehältern mit den großen Wettbewerbern nicht mithalten. Also mussten wir uns fragen: Was können wir bieten, das die nicht haben?

Dazu kam, dass wir selbst genau das gesucht haben, was es damals kaum gab: Orte, an denen man flexibel arbeiten kann und alles an einem Ort findet. Unterkunft, Arbeitsplatz, Infrastruktur und die Möglichkeit, sich zu vernetzen.

„Ich bin dort aufgewachsen, wo andere Ferien machen. Wenn Arbeit ortsunabhängig wird, dann ist genau das ein Argument: Komm‘ zu uns, arbeite am Wasser, und zwar nicht zwei Wochen, sondern so lange du willst.“

Wir haben selbst nach genau solchen Orten gesucht. Was gefehlt hat, war die Infrastruktur.

In Lietzow auf Rügen fanden wir schließlich ein ehemaliges Callcenter-Gebäude direkt am Bodden.

Fünf Etagen, Glasfaser, ein Steg vor der Tür. Eine technische Ausstattung, wie man sie im ländlichen Raum sonst nirgends bekommt. Daraus haben wir Project Bay gemacht – erst für uns selbst, dann haben wir gemerkt, dass es anderen Unternehmen genauso geht.

Was war eure Vision?

Von Anfang an ging es um mehr als einen Coworking-Space.

„Wir wollten Menschen in die Region holen, die hier leben und arbeiten.“

Und noch etwas war uns wichtig:

„Wir wollten, dass die Infrastruktur, die dafür entsteht, allen offen steht – auch denen, die immer hier waren und einfach bleiben wollen.“

Die Grundidee war, Arbeit und Leben wieder stärker zusammenzubringen und den ländlichen Raum als Ort zu begreifen, an dem Zukunft entsteht.

Warum habt ihr euch entschieden, ein solches Konzept auf Rügen aufzubauen?

Weil wir von hier sind.

Und weil wir die Herausforderungen der Region aus eigener Erfahrung kennen.

„Rügen lebt fast vollständig vom Tourismus. Alles wird für Gäste gebaut, geplant und gepreist. Wer hier lebt, kommt in dieser Rechnung nicht vor.“

Viele junge Menschen verlassen die Insel, weil sie anderswo bessere Perspektiven sehen.

„Toni und ich sind aus genau diesen Gründen weggegangen.“

Mit Project Bay wollten wir bewusst einen anderen Weg aufzeigen.

„Wir wollten nicht noch ein Angebot für Touristen bauen, sondern etwas, das ganzjährig trägt und von dem die Menschen hier auch etwas haben.“

Aus einer Idee auf Rügen entstand ein wachsendes Netzwerk aus Arbeits-, Begegnungs- und Innovationsorten. Im Mittelpunkt steht dabei immer die Gemeinschaft. © Matthes Trettin

Chancen für Mecklenburg-Vorpommern

Welche Zukunft siehst du für Mecklenburg-Vorpommern?

Eine sehr spannende.

Digitalisierung, künstliche Intelligenz und neue Arbeitsformen eröffnen gerade ländlichen Regionen Chancen, die es so vor einigen Jahren noch nicht gab.

„Im digitalen Rennen stehen alle Regionen ungefähr gleich am Start. Gewinnen werden die, die schnell entscheiden, offen für Zuzug sind und ihre eigenen Stärken ernst nehmen.“

Mecklenburg-Vorpommern bringt dafür viele Voraussetzungen mit: kurze Wege, hohe Lebensqualität und die Möglichkeit, Entwicklungen aktiv mitzugestalten.

„Kurze Wege. Wer hier eine gute Idee hat, sitzt in zwei Wochen mit dem Landrat, der Hochschule und der Sparkasse an einem Tisch.“

Dazu bezahlbarer Raum, eine Lebensqualität, die für Fachkräfte inzwischen ein echtes Argument ist, und ein Ökosystem, das noch klein genug ist, dass man es mitgestalten kann.

Warum engagierst du dich bewusst in Mecklenburg-Vorpommern und auf Rügen?

Weil ich von hier bin.

Und weil ich überzeugt bin, dass Mecklenburg-Vorpommern enormes Potenzial hat.

„Ich könnte dasselbe in Hamburg oder Berlin machen, mit weniger Aufwand und mehr Reichweite. Aber hier wird es mehr gebraucht.“

Gerade in ländlichen Regionen können bereits wenige erfolgreiche Gründungen große Wirkung entfalten.

„Unternehmen mit 10 bis 100 neuen Arbeitsplätzen verändern ganze Landkreise.“

Was braucht es, damit noch mehr Menschen in Mecklenburg-Vorpommern gründen?

Drei Dinge.

Mehr Kapital, das in der Region entscheidet. Mehr Verlässlichkeit beim Aufbau von Innovationsstrukturen. Und mehr sichtbare Vorbilder.

„Menschen gründen, wenn sie jemanden kennen, der es getan hat. Deshalb erzählen wir jede Geschichte aus unserem Netzwerk so laut wir können.“

Deshalb ist es so wichtig, Gründungsgeschichten sichtbar zu machen und zu zeigen, dass erfolgreiche Unternehmen auch außerhalb der großen Metropolen entstehen können.

Persönlich gefragt

Was war die wichtigste Lektion, die du auf deinem Weg als Gründer gelernt hast?

„Dass Geschwindigkeit im ländlichen Raum nicht die entscheidende Größe ist – Vertrauen ist es. Man kann hier nichts durchdrücken. Man kann nur mitnehmen. Das dauert länger, hält aber.“

Was motiviert dich persönlich jeden Tag aufs Neue?

„Ich baue nichts für eine abstrakte Zielgruppe, sondern für den Ort, an dem meine Familie und meine Freunde sind. Und die Menschen, die zurückkommen oder an ihrem Sehnsuchtsort sein können. Wenn jemand sagt: Ich bin wegen euch wieder hier – das trägt durch ziemlich viele schwierige Wochen.“

Was bedeutet Erfolg für dich persönlich?

„Dass etwas bleibt, wenn wir aufhören. Wenn Lietzow und alle unsere Orte in 10 bis 20 Jahren Orte sind, an denen Menschen arbeiten und leben – unabhängig davon, ob wir noch dabei sind –, dann hat es funktioniert.“

Hannes‘ Tipps für Gründerinnen und Gründer

1. Fangt da an, wo ihr etwas versteht

„Fangt da an, wo ihr etwas versteht. Der größte Vorteil, den man haben kann, ist ein Problem, das man selbst erlebt hat – nicht eines, das man in einer Studie gelesen hat.“

Die besten Ideen entstehen oft dort, wo eigene Erfahrungen auf den Wunsch treffen, etwas zu verändern.

2. Sucht euch früh Menschen, die schon weiter sind

„Und sucht euch früh Menschen, die schon weiter sind. Fast alles, was uns Zeit gespart hat, kam aus Gesprächen mit Leuten, die dieselbe Wand schon einmal eingerannt hatten.“

Gründen muss kein Einzelkampf sein. Der Austausch mit erfahrenen Unternehmerinnen und Unternehmern kann helfen, Fehler zu vermeiden und schneller voranzukommen.

3. Traut euch, Fragen zu stellen

Eine weitere wichtige Erkenntnis aus seiner eigenen Unternehmerreise formuliert Hannes Trettin an anderer Stelle im Interview:

„Ich habe zu lange gedacht, man müsse erst etwas vorzeigen können, bevor man fragen darf. Das Gegenteil stimmt.“

Netzwerke entstehen oft dort, wo Menschen bereit sind, offen über Herausforderungen zu sprechen und um Unterstützung zu bitten.

Zum Schluss

„Geh weg, aber sieh es nicht als Abschied.“

Diesen Rat würde Hannes seinem jüngeren Ich heute geben.

„Ich habe Rügen mit dem Gefühl verlassen, dass hier nichts geht – und zehn Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass das genau die Aufgabe ist.“

Vielleicht beschreibt kein anderer Satz seine Geschichte besser. Denn manchmal muss man die Heimat verlassen, um ihren Wert neu zu erkennen. Und manchmal muss man die Welt kennenlernen, um herauszufinden, wo man wirklich etwas bewegen möchte.

Zukunft gestalten statt nur davon reden

Die Geschichte von Hannes Trettin macht Mut, groß zu denken und dort anzufangen, wo man selbst etwas bewegen möchte. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es dafür starke Netzwerke, Acceleratoren und Unterstützungsangebote für Gründerinnen und Gründer.
Du hast selbst gegründet oder arbeitest gerade an deiner Geschäftsidee? Dann lass dich von weiteren Gründungsgeschichten aus MV inspirieren. Und vielleicht erzählst du schon bald deine eigene Geschichte auf GründerMV.

Mehr erfahren

Wer mehr über die Projekte und Initiativen von Hannes Trettin erfahren möchte, findet hier weiterführende Informationen:

🌐 Project Bay

🌐 Founders Bay

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