Anke Parson: Warum Gebäude ein zweites Leben verdienen

Anke Parson beschäftigt eine Frage: Warum werden Gebäude abgerissen, obwohl ihre Materialien oft noch jahrzehntelang genutzt werden könnten? Mit BetaPort Systems entwickelt die Gründerin aus Greifswald ein Bausystem, das auf Wandel statt Abriss setzt. Der Weg dorthin führte über London, Dubai, Rotterdam und Berlin und begann mit einem Moment, der ihren Blick auf das Bauen grundlegend veränderte.

Als der Erfolg sich plötzlich falsch anfühlte

Nach Jahren der Planung ist eines ihrer ersten Bauprojekte abgeschlossen. Für Anke Parson müsste dieser Moment ein Erfolgserlebnis sein. Doch die erwartete Begeisterung bleibt aus.

„Ich stand vor meinem ersten fertigen Haus und habe nichts gespürt“, erinnert sie sich und ergänzt: „Stattdessen fragte ich mich, warum ich Altersheime im Grünen plane, die außer als Geldmaschine keinen erkennbaren Zweck erfüllen.“

Für die Architektin ist es rückblickend „der erste Bruch“. Plötzlich geht es ihr nicht mehr allein um Architektur, Grundrisse oder Gebäude. Stattdessen beginnt sie, die Rolle von Räumen und ihre Wirkung auf Menschen grundsätzlicher zu hinterfragen.

Was in diesem Moment als persönlicher Zweifel beginnt, entwickelt sich in den folgenden Jahren zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung mit dem Bauen selbst. Je tiefer sie in Architektur, Stadtentwicklung und Projektentwicklung eintaucht, desto stärker rückt eine Frage in den Mittelpunkt: Wie lassen sich Räume schaffen, die sich mit den Bedürfnissen der Menschen verändern können, statt irgendwann überflüssig zu werden?

Diese Suche nach Antworten führt schließlich zu einer Erkenntnis, aus der Jahre später BetaPort Systems entsteht.

Anke Parson gründete BetaPort Systems in Greifswald und verfolgt die Vision, Gebäude so zu planen, dass ihre Bauteile auch künftig weiterverwendet werden können.
© BetaPort Systems, Bearbeitung: VTM

„Ich stand vor meinem ersten fertigen Haus und habe nichts gespürt.“

Anke Parson

„Warum sterben unsere Gebäude eigentlich?“

Jahre später findet die Gründerin eine konkrete Antwort auf ihren Zweifel. Sie steht auf einer Abrissbaustelle. Bagger reißen Mauern ein, Staub liegt in der Luft, Container füllen sich mit Holz, Stahl und Glas. Zahlreiche Materialien sind noch intakt und dennoch auf dem Weg zur Deponie.

„Da habe ich mich gefragt, warum unsere Gebäude eigentlich sterben, obwohl sie voller Leben und voller Kapital stecken.“

Die Beobachtung bleibt nicht die einzige. Bei der Sanierung eines alten Hauses an der Ostsee erlebt sie denselben Widerspruch erneut. Mehr als hundert Jahre alte Holzbalken können erhalten werden, während zahlreiche neuere Bauteile keine zweite Verwendung finden.

„Der Kontrast war kaum auszuhalten: Auf der einen Seite Holzträger von 1910, die noch einmal hundert Jahre halten. Auf der anderen Seite Bauteile von gestern, für die es keine zweite Verwendung mehr gab.“

Seitdem weiß sie:

„Das Problem liegt nicht am Material, sondern daran, wie wir es zusammenfügen und bewerten.“

Während die Bauwirtschaft Gebäude häufig als abgeschlossene Projekte betrachtet, beginnt die Architektin, sie als langfristige Ressource zu denken. Aus dieser Perspektive entsteht die Idee, Räume nicht nur für eine Nutzung zu planen, sondern so, dass ihre Bauteile auch in Zukunft weiterverwendet werden können.

Von der Architektin zur Fragestellerin

Nach ihrem Architekturstudium in Dresden zieht es Anke Parson zunächst nach London. Später arbeitet sie für ein Designbüro in Dubai. Die Finanzkrise 2009 beendet diesen Abschnitt jedoch abrupt. Über die Schweiz führt ihr Weg zurück nach Europa.

Die Erfahrungen der folgenden Jahre verändern ihren Blick auf Architektur grundlegend. Statt sich ausschließlich mit einzelnen Gebäuden zu beschäftigen, interessiert sie zunehmend, wie sich Städte, Quartiere und Lebensräume entwickeln. Um diesen Fragen nachzugehen, kehrt sie nach London zurück und studiert an der renommierten Architectural Association „Housing and Urbanism“. Anschließend forscht sie zwei Jahre in Rotterdam zu Stadtentwicklung und räumlichen Veränderungen.

Zurück in Deutschland arbeitet sie in Hamburg und Berlin an Quartiersentwicklungen, begleitet Projekte vom Bebauungsplan bis zur Umsetzung und sammelt Erfahrungen in Architektur, Stadtentwicklung, Projektentwicklung und Holzbau. Besonders prägend werden für sie die Berliner Jahre, in denen sie unter anderem an den ersten Holzhochhäusern der Stadt mitwirkt.

Doch je tiefer sie in die Branche eintaucht, desto stärker verschiebt sich ihr Fokus.

„Mir wurde klar, dass mich das Entwerfen einzelner Gebäude weniger interessiert als die Frage, wie sich Räume überhaupt verändern.“

Nicht mehr das einzelne Bauwerk steht für sie im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie Gebäude mit gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und demografischen Veränderungen Schritt halten können. Räume werden gebraucht, wachsen, schrumpfen oder verändern ihren Zweck. Gebäude dagegen werden häufig so geplant, als bliebe über Jahrzehnte alles gleich.

Anke beginnt deshalb zunehmend, Architektur, Stadtentwicklung und Ressourcennutzung zusammenzudenken. Die Erfahrungen aus London, Rotterdam, Hamburg und Berlin schärfen ihren Blick für einen Widerspruch, der sie nicht mehr loslässt: Warum errichtet die Bauwirtschaft Gebäude für einen festen Zustand, obwohl sich die Welt darum ständig verändert?

Aus dieser Frage entwickelt sich nach und nach eine Idee. Gebäude sollen sich an neue Anforderungen anpassen können, statt irgendwann abgerissen zu werden. Bauteile sollen ihren Wert behalten und weiter genutzt werden können. Aus diesem Gedanken entsteht schließlich der Grundstein für BetaPort Systems.

Aus einer Frage wird ein Unternehmen

2020 zieht Anke Parson die Konsequenzen aus den Fragen, die sie seit Jahren begleiten. Nach dem Ende des Berliner Eckwerk-Projekts macht sie sich selbstständig und beschäftigt sich zunächst mit ressourcenschonendem Bauen, Datenmapping und Holzbau.

Ein Jahr später gründet sie gemeinsam mit Florian Michaelis, Marvin Bratke und Paul Bart das Start-up Urban Beta. Parallel entsteht die Idee für ein System, das Gebäude nicht als einmalige Bauwerke begreift, sondern als Strukturen, die sich verändern, erweitern und wiederverwenden lassen.

Heute entwickelt BetaPort Systems ein elementiertes Holzbausystem, das sich erweitern, umnutzen und vollständig zurückbauen lässt. Statt auf starre Gebäudetypen setzt das Unternehmen auf eine Bauweise, die sich an veränderte Anforderungen anpassen kann.

„Gebäude werden bis heute für Jahrzehnte geplant, obwohl der Bedarf dahinter selten so lange gleichbleibt“, erklärt Anke und ergänzt: „Schülerzahlen schwanken, Betreuungsplätze werden phasenweise gebraucht, Flächen stehen später leer oder fehlen an anderer Stelle.“

Die Antwort sieht sie in einer Bauweise, die auf Anpassungsfähigkeit statt Abriss setzt.

„Wir wollten zeigen, dass es eine bauliche Antwort auf wechselnde Bedarfe gibt, die nicht auf Provisorien hinausläuft, sondern auf dauerhafte Qualität in wandelbarer Form.“

Finanziert wird die Gründung zunächst aus eigenen Mitteln der beteiligten Architektinnen und Architekten. Zusätzlichen Rückenwind erhält das junge Unternehmen durch das Forschungsprogramm Zukunftsbau, das gemeinsam mit Arup und der Bauhaus-Universität Weimar umgesetzt wird. Später unterstützen Industriepartner die Entwicklung der Prototypen.

2021 entsteht mit BetaPort ONE der erste Prototyp. Zwei Jahre später folgt mit dem Erweiterungsbau der International School Leipzig das erste größere Referenzprojekt im laufenden Betrieb.

Später kommt mit der Gebr. Schütt KG eine weitere Gesellschafterin hinzu und ergänzt die planerische Perspektive um Fertigungswissen und industrielle Erfahrung.

„Ein Bausystem, das industriell vorgefertigt und später wieder zerlegt werden soll, muss aus der Produktion heraus gedacht werden: Toleranzen, Taktung, Transport, Montagefolge. Diese Perspektive hat unsere Entwürfe verändert.“

Warum der erste Prototyp scheitert

Der Weg vom Prototyp zur marktfähigen Lösung verläuft jedoch nicht geradlinig.

„Ausgerechnet der Kern unseres Versprechens ließ sich am ersten Bau also nicht einlösen“, stellt Anke fest.

Die Konstruktion hält der wiederholten Beanspruchung nicht stand. Die Knotenpunkte platzen, der mehrfache Auf- und Abbau funktioniert nicht wie geplant. Statt aufzugeben, beginnt das Team erneut zu entwickeln.

In einer zweiten Generation bringen die Entwickler Stahl in die Verbindungen ein. Technisch funktioniert das deutlich besser. Doch nun passen die Kosten nicht zum Markt. Also folgt eine weitere Überarbeitung. Spannweiten, Materialeinsatz und Wirtschaftlichkeit werden neu gedacht, bis das System schließlich auch unter realen Bedingungen bestehen kann.

Die Herausforderungen liegen jedoch nicht nur in der Technik.

„Die größte Hürde war nicht die Konstruktion, sondern ihr Umfeld“, sagt Anke und fügt hinzu: „Ein Bausystem, das auf Rückbau und Wiederverwendung angelegt ist, trifft auf Genehmigungsverfahren, Bewertungsmaßstäbe und Finanzierungsroutinen, die für dauerhaft feste Gebäude entwickelt wurden.“

Viele Lösungen seien technisch längst vorhanden gewesen. Schwieriger sei es gewesen, sie gegenüber Banken, Behörden und Partnern verständlich zu machen.

Rückschläge betrachtet Parson heute dennoch als wichtigen Teil des Weges.

„Dass Scheitern nicht wertlos ist“, gehört zu den wichtigsten Lektionen ihrer bisherigen Gründungsgeschichte.

Rückblickend überrascht die Gründerin vor allem, wie viel sich mit Beharrlichkeit bewegen lässt.

„Wie weit man kommt, wenn man Mut und Durchhaltevermögen mitbringt.“

Der Beweis, dass sich die Mühe lohnt, folgt wenig später in Leipzig.

„Da habe ich mich gefragt,
warum unsere Gebäude eigentlich sterben,
obwohl sie voller Leben und voller Kapital stecken.“

Anke Parson

Der Beweis, dass die Idee funktioniert

Nach Jahren der Entwicklung erhält die Grundidee von BetaPort Systems in Leipzig ihren bislang wichtigsten Praxistest. 2023 entsteht dort der Erweiterungsbau der International School Leipzig, das erste größere Referenzprojekt des Unternehmens im laufenden Betrieb.

Die ersten Projekte gewinnt das Team über Messeauftritte.

„Ein gebautes Stück System erklärt sich besser als jede Präsentation.“

Über das Greentech Festival entstehen erste Kontakte. Aus diesen Gesprächen entwickelt sich später auch das Projekt in Leipzig.

„Auf Leipzig bin ich besonders stolz – weniger wegen des fertigen Gebäudes als wegen des Beweises, der darin steckt“, sagt Anke. „Ein Prinzip, über das die Branche seit Jahren diskutiert, ist dort einmal vollständig durchgespielt worden: von der Konstruktion über die Dokumentation bis zum Kreditvertrag. Danach war es keine Theorie mehr.“

Für die Gründerin ist Leipzig deshalb mehr als ein Referenzprojekt. Es ist der Nachweis, dass die Idee hinter BetaPort Systems auch in der Praxis funktioniert.

Ein weiterer wichtiger Meilenstein folgt 2026. Gemeinsam mit ihrem Baupartner Gebr. Schütt KG, dem Partner Circular Ukraine und unterstützt durch die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) ermöglicht BetaPort ein erstes Pilotprojekt im ukrainischen Lwiw. Für die Architektin zeigt dieses Projekt, dass sich die Idee zirkulärer und rückbaufähiger Gebäude auch unter anspruchsvollen Bedingungen international weiterdenken lässt.

Doch die Gründerin denkt längst weiter. Sie beschäftigt die Frage, wie sich die Bauwirtschaft insgesamt verändern muss.

Der Erweiterungsbau der International School Leipzig gilt als wichtiger Meilenstein für BetaPort Systems. Hier konnte das Konzept erstmals in einem größeren Praxisprojekt umgesetzt werden.
© BetaPort Systems

Eine Vision für die Bauwirtschaft von morgen

Bis heute beschäftigt die Gründerin dieselbe Frage, die sie schon auf der Abrissbaustelle umgetrieben hat: Wie lässt sich der Wert von Materialien erhalten, statt ihn am Ende eines Gebäudelebenszyklus zu vernichten?

Ihre Antwort darauf ist ebenso einfach wie ambitioniert.

„Räume sollen dorthin gehen können, wo sie gebraucht werden.“

Für die Unternehmerin bedeutet das, Gebäude nicht als starre Objekte zu betrachten, sondern als Ressourcen. Bauteile sollen ihren Wert behalten und immer wieder Teil neuer Räume werden können. Was heute Schule ist, könnte morgen Kita, Büro oder Wohnraum sein.

Dabei denkt Anke längst über einzelne Projekte hinaus. Ihr Ziel ist es, dass zirkuläres Bauen nicht die Ausnahme bleibt, sondern zum Normalfall wird.

„Wenn wir es schaffen, eine Veränderung in der Bauindustrie anzustoßen – mehr nachhaltige, rückbaufähige und umbaufähige Gebäude auf dem Markt und andere Akteure, die in dieser Denkweise mit uns bauen –, dann ist schon viel erreicht.“

Vor Jahren stand Anke vor ihrem ersten fertigen Haus und spürte nichts.

Später stand sie auf einer Abrissbaustelle und fragte sich, warum Gebäude sterben, obwohl sie voller Leben und voller Kapital stecken.

Aus dieser Frage entstand BetaPort Systems.

Weitere Gründungsgeschichten entdecken

Die Geschichte von Anke Parson zeigt, wie aus einer unbequemen Frage eine innovative Geschäftsidee entstehen kann. Mit BetaPort Systems denkt sie Gebäude nicht als Wegwerfprodukt, sondern als Ressource für kommende Generationen und beweist, dass sich wirtschaftlicher Erfolg und nachhaltiges Handeln verbinden lassen.

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Wer mehr über die Projekte und Initiativen von Anke Parson erfahren möchte, findet hier weiterführende Informationen:

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