Die aktuellen Gründungszahlen in Deutschland zeigen eine vorsichtige Erholung – doch hinter dem leichten Aufwärtstrend verbergen sich deutliche strukturelle Schwächen. Während immer mehr Menschen den Schritt in die Selbstständigkeit wagen, verlieren ausgerechnet innovative und industrielle Branchen weiter an Dynamik. Was bedeutet das für den Standort Deutschland und die Gründerszene?
Gründungszahlen steigen leicht – Trendwende mit Einschränkung
Die Gründungszahlen entwickeln sich vorsichtig nach oben: 2024 entstanden rund 157.000 neue Unternehmen – ein Plus von drei Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit zeichnet sich erstmals seit 2021 eine Trendwende ab, wie das IAB/ZEW-Gründungspanel zeigt.
Auch aktuelle Daten bestätigen diesen Kurs: Im ersten Quartal 2026 wurden rund 37.500 größere Betriebe gegründet. Das entspricht einem Anstieg von 2,8 Prozent. Gleichzeitig sank die Zahl der Betriebsschließungen um 5,7 Prozent. Insgesamt legten die Neugründungen sogar um 10,1 Prozent zu, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt.
Insgesamt registrierte Destatis im selben Zeitraum rund 188.900 Neugründungen sowie etwa 139.400 vollständige Gewerbeaufgaben. Als „größere Betriebe“ gelten dabei Unternehmen mit höherer wirtschaftlicher Bedeutung – etwa aufgrund ihrer Rechtsform, eines Handelsregistereintrags oder vorhandener Beschäftigter.
Die Entwicklung zeigt: Es wird wieder mehr gegründet – aber auf weiterhin niedrigem Niveau.
Aufschwung vor allem im Dienstleistungssektor
Die positive Entwicklung wird vor allem vom Dienstleistungssektor getragen. Besonders Gastronomie, Handel und persönliche Dienstleistungen wachsen deutlich, wie das IAB/ZEW-Gründungspanel zeigt.
Auch bei der Beschäftigung wird diese Dynamik sichtbar:
- 353.000 neue Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor und Handel
- +4 Prozent Wachstum im Baugewerbe (rund 35.000 Jobs)
Diese Entwicklung unterstreicht die wachsende Bedeutung serviceorientierter Geschäftsmodelle für den Arbeitsmarkt, wie die Auswertung des ZEW Mannheim deutlich macht.
Ein zentraler Grund: Viele dieser Geschäftsmodelle lassen sich schneller und mit vergleichsweise geringem Kapitaleinsatz umsetzen. Das senkt die Einstiegshürden und begünstigt Gründungen in diesen Bereichen.
Rückgang der Gründungszahlen in Industrie und Produktion
Während Dienstleistungen zulegen, gehen die Gründungszahlen im Verarbeitenden Gewerbe weiter zurück – um 11 Prozent im Jahr 2024, wie das IAB/ZEW-Gründungspanel zeigt. Damit setzt sich ein Negativtrend fort, der sich bereits seit Jahren abzeichnet und sich zuletzt weiter verstärkt hat.
Auch bei den Arbeitsplätzen wird diese Entwicklung sichtbar:
- -12 Prozent Beschäftigung bei Industriegründungen
- nur noch rund 14.000 Beschäftigte – ein neuer Tiefstand
Die Auswertung des ZEW Mannheim unterstreicht diesen Trend und spricht von einer zunehmend schwächeren Dynamik in industriellen Gründungsbereichen.
Als zentrale Bremsfaktoren gelten hohe Energiekosten, wachsender internationaler Wettbewerb und geopolitische Unsicherheiten.
Innovationen brechen ein – ein klares Warnsignal
Besonders kritisch ist die Entwicklung bei Innovationen: Nur noch 4 Prozent der jungen Unternehmen bringen Marktneuheiten hervor – etwa halb so viele wie im Jahr zuvor, wie das IAB/ZEW-Gründungspanel zeigt.
Zwar bleibt der Anteil der Unternehmen mit Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten insgesamt stabil, doch immer weniger junge Firmen schaffen es, neue Produkte tatsächlich am Markt zu etablieren. Die Innovationsleistung sinkt damit deutlich.
Auch in technologieorientierten Branchen verschärft sich die Lage:
- –38 Prozent Beschäftigung in forschungsintensiver Industrie
- –9 Prozent Jobs in technologieintensiven Dienstleistungen
Die Auswertung des ZEW Mannheim verdeutlicht, dass gerade innovationsstarke Bereiche zunehmend an Dynamik verlieren.
Genau diese Branchen sind jedoch entscheidend für die langfristige Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft.
Warum die Entwicklung problematisch ist
Gründungen allein sagen wenig über die Zukunftsfähigkeit einer Volkswirtschaft aus – entscheidend ist ihre Qualität. Vor allem innovative Start-ups gelten als zentrale Treiber für technischen Fortschritt, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit.
Wenn immer weniger junge Unternehmen neue Produkte oder Technologien entwickeln, fehlen genau diese Impulse. Die Auswertung des ZEW Mannheim zeigt, dass insbesondere produktorientierte Innovationen deutlich zurückgehen – mit potenziell langfristigen Folgen für den Standort Deutschland.
Das Problem: Ohne innovative Gründungen entstehen weniger neue Märkte, weniger skalierbare Geschäftsmodelle und letztlich auch weniger nachhaltiges Wachstum.
Mehr Gründungen, weniger Zukunftskraft
Die aktuellen Entwicklungen zeigen ein widersprüchliches Bild: Die Gründungszahlen steigen wieder leicht, gleichzeitig nimmt die Innovationskraft spürbar ab.
Während vor allem Dienstleistungen den Aufschwung treiben, verlieren industrielle und technologieorientierte Gründungen zunehmend an Bedeutung. Gerade die Bereiche, die eigentlich als Motor für Fortschritt und Wettbewerbsfähigkeit gelten, geraten damit unter Druck.
Deutschland gründet wieder mehr – doch die Qualität der Gründungen steht zunehmend in Frage.
Für die Zukunft bedeutet das: Entscheidend ist nicht nur, wie viele Unternehmen entstehen, sondern welche. Ohne mehr innov
Was bedeuten die Entwicklungen für Mecklenburg-Vorpommern?
Die bundesweiten Trends lassen sich auch auf Mecklenburg-Vorpommern übertragen. Die steigenden Gründungszahlen im Dienstleistungsbereich passen zur Wirtschaftsstruktur des Landes: Tourismus, Gastronomie, Handel und personenbezogene Dienstleistungen spielen hier eine zentrale Rolle und dürften weiterhin den Großteil des Gründungsgeschehens ausmachen.
Gleichzeitig zeigt sich eine strukturelle Herausforderung: Industrie- und technologiegetriebene Gründungen sind in Mecklenburg-Vorpommern traditionell weniger stark vertreten. Der bundesweite Rückgang in genau diesen Bereichen verstärkt diese Lücke zusätzlich.
Das bedeutet: Wichtige Impulse für Innovation, Wertschöpfung und gut bezahlte Arbeitsplätze bleiben begrenzt. Gerade zukunftsorientierte Branchen wie Softwareentwicklung oder forschungsintensive Produktion entwickeln sich schwächer als notwendig.
Dennoch ergeben sich Chancen. Gründungen im Bereich digitaler Dienstleistungen, nachhaltiger Tourismuskonzepte, Gesundheitswirtschaft oder maritimer Wirtschaft können gezielt an regionale Stärken anknüpfen.
Für Gründerinnen und Gründer in Mecklenburg-Vorpommern bedeutet das: Der Einstieg ist oft niedrigschwellig – langfristiger Erfolg hängt jedoch zunehmend davon ab, innovative und skalierbare Geschäftsmodelle zu entwickeln.
Quellen:
- IAB/ZEW-Gründungspanel, Pressemitteilung vom 6. Mai 2026
- ZEW Mannheim, Einordnung im Gründungspanel (Sandra Gottschalk) vom 11. Mai 2026
- Statistisches Bundesamt (Destatis), Pressemitteilung Nr. 165 vom 13. Mai 2026
Titelbild erstellt v. VTM
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